-> Anonyme Gläubige

Wenn ich die Existenz Gottes anzweifle, bin ich dann Atheistin? Kann ich überhaupt Atheistin sein, wenn ich eine katholische Prägung aus meiner Kindheit in mir trage, von der ich mich zwar emanzipiert habe, die mich aber jahrelang geprägt hat?

Die katholischen Kategorien von Himmel, Hölle, Schuld und Sünde etc. sind unlöschbar in meinen Denkstrukturen verankert, haben mein inneres moralisches Gerüst mitgeformt. Religion lässt sich nicht einfach abschütteln. Man kann sich von seiner religiösen Herkunft lösen wie Pubertierende sich von ihren Eltern lösen und an ihnen abarbeiten. Unabhängig davon, wie gut diese Ablösung geglückt ist und welche Art Eltern-Kind-Beziehung sich daraus entwickelt hat und selbst wenn es zu einem Kontaktabbruch kommt, besteht das Verhältnis weiter, bleiben die erlebte Kindheit und die Prägungen im Gehirn gespeichert. So wie jemand, der den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen hat, nicht behaupten kann, er habe keine Eltern, kann ich nicht behaupten, ich hätte keine Idee von Gott.

Ich kann nicht keine Idee von Gott haben. Die biblischen Geschichten, die Kategorien von Himmel und Hölle und Fegefeuer, Schuld und Sünde und Vergebung, all dies ist unauslöschlich in mir gespeichert.

So bin ich vielleicht am ehesten eine anonyme Katholikin.

So ähnlich wie der anonyme Alkoholiker zwar nicht mehr trinkt, aber zeitlebens ein Alkoholiker bleibt, bin ich eine anonyme Katholikin, die zwar nicht mehr glaubt, aber zeitlebens eine Katholikin bleibt.

Und in Sachen Glauben würde ich gerne rückfällig werden.