-> Das Christkind knapp verpasst

Heiligabend in Trachslau bei meinen Grosseltern: Tanten und Onkel und Cousins und Cousinen waren versammelt, ein fröhliches Durcheinander. Die Stubentür war abgeschlossen, weil das Christkind in der Stube noch Zeit brauchte, um alle Geschenke parat zu machen. Wir Enkel warteten ungeduldig und voller Vorfreude, der Grösse nach aufgereiht, die Kleineren vorne, die Grösseren hinten, vor der Stubentür.

S’Mutti sagte jeweils zu uns Enkeln, sie gehe rasch nachschauen, wie weit das Christkind sei, und verschwand hinter der Glastür, die nur schemenhaft erkennen liess, was dahinter vor sich ging.

Und bald konnten wir erkennen, wie dort, wo wir schemenhaft den Christbaum ausmachten, nach und nach Kerzen angezündet wurden. Dann öffnete s’Mutti jeweils die Tür und sagte: «jetzt isch s’Chrischtchindli grad zum Fänschter us gfloge». Wir rannten zum offenen Fenster und schauten nach, ob wir es noch irgendwo davon fliegen sahen. Aber im Dunkel war nichts zu erkennen. Und jedes Jahr dachte ich: «Ach! Nun habe ich es wieder knapp verpasst. Vielleicht klappts nächstes Jahr.»

Der Moment, als mir erklärt wurde, dass es das Christkind nicht gäbe, löste ambivalente Gefühle in mir aus: Ich fühlte mich gebauchpinselt, in dieses Erwachsenengeheimnis eingeweiht worden zu sein und nun zu den Grossen zu gehören, reif für diese Wahrheit. Gleichwohl verlor Weihnachten mit dieser Wahrheit unwiederbringlich seinen Zauber.