-> Die Schlange vor dem Beichtstuhl

Bei Hitler – so stellte ich mir vor – hätte auch alles Beichten nichts mehr genützt. Was er getan hatte, war zu böse, um dafür Vergebung zu erhalten. Für alle normalen Sünder fand ich das Beichten eine gute Erfindung.

Auch wenn ich von mir aus nie das Bedürfnis spürte, beichten zu gehen und auch später als Erwachsene nie beichten gehen sollte, fand ich es doch praktisch, dass wir regelmässig zum Beichten geschickt wurden.

Vor jedem grösseren Kirchenfeiertag und jeweils vor den Ferien gingen wir mit der ganzen Klasse zur Jugendkirche zum Beichten. Das war nichts Schlimmes, das war einfach so. Und es gab nicht die Wahl, ob man beichten wollte, sondern nur bei wem. Alle aus unserer Klasse gingen beichten, ausser die eine Reformierte und der eine Türke. Die hatten dann frei.

In Zweierkolonnen pilgerten wir zur Jugendkirche. Dort hatte es vier Beichtstühle. Darin wartete jeweils ein Pater. Oben an jedem Beichtstuhl war auf einem Schild ersichtlich, welcher Pater wo wartete. In den Bänken vor den Beichtstühlen hatten wir Schüler uns einzureihen und zu warten bis wir an die Reihe kamen. Die längste Schlange hatte es jeweils vor dem Beichtstuhl von Pater E. Und auch ich ging am liebsten zu Pater E., weil er der Gütigste, Väterlichste war. Und weil er für die Absolution am wenigsten Vaterunser und Gegrüsstseistdumaria zu beten aufgab.

Meine grösste Sorge jeweils vor dem Beichten war, ob ich diese 10 Punkte, an denen wir uns beim Beichten entlang hangeln sollten, würde auswendig aufsagen können. Und meistens hatte ich im Voraus das Problem, dass mir nicht allzu viele Sünden in den Sinn kamen, schon gar nicht zu all den 10 Punkten. Und so sog ich mir halt jedesmal einige Sünden aus den Fingern, die ich erzählen könnte. Und wenn mir keine in den Sinn kamen, erfand ich welche. In der Regel war das ungefähr so: geflucht, mit Geschwistern gestritten, den Eltern nicht immer gehorcht. Und wenn ich Sünden hatte, die mir zu intim oder zu peinlich waren, dem Pfarrer zu erzählen, dann behielt ich diese für mich. Schliesslich erteilte er am Schluss die Absolution für alle Sünden, auch für diejenigen, die ich nicht namentlich erwähnt hatte.

Ich erinnere mich an das jeweils gute Gefühl, wenn ich aus der Jugendkirche trat nach dem Beichten – frisch sündenfrei. Dank dem Beten von zwei Vaterunser und drei Gegrüsstseistdumaria war mein Sündendsaldo gleich Null. Das fühlte sich gut an. Und jedesmal nahm ich mir vor: «So, ab jetzt versuche ich möglichst wenig Sünden zu machen, zähle alle meine Sünden und versuche das Saldo tief zu halten.» Nach wenigen Tagen hörte ich jeweils auf zu zählen, weil mir das keine-Sünden-begehen nicht gelang, die Sündenzählerei zu mühsam war, und ich wusste ja auch: vor dem nächsten Feiertag gingen wir eh wieder beichten.