Gott ist allmächtig, wurde uns im Religionsunterricht beigebracht. Er kann uns nicht nur von oben zuschauen, sondern er weiss alles, sogar unsere geheimsten Gedanken. Ihm braucht man überhaupt nichts vorzumachen, ihn kann man nicht anlügen, weil er eh alles weiss.
Diese Vorstellung fand ich etwas beklemmend, aber auch sehr praktisch. Denn wenn ich Gott um etwas bitten wollte, musste ich nicht lange erklären, worum es ging, weil er ja eh alles schon wusste. Ich musste ihm beispielsweise nicht erklären, dass bald die Vortragsübung sein würde und ich fleissig Klarinette geübt und es daher verdient hätte, fehlerfrei durch den Vortrag zu kommen. Ich brauchte nur zu sagen: «Liäbgott, bitte hilf mer».
Zwischendurch überlegte ich mir sogar, ob es überhaupt nötig sei, ihn um Hilfe zu bitten. Denn wenn er tatsächlich allmächtig war, dann würde er ja – hellseherisch – von meiner Bitte wissen, bevor ich ihn darum bat. Aber zur Sicherheit bat ich ihn dann doch jeweils.
Ich war aber nie so richtig sicher, ob er nun geholfen hatte oder nicht. War ich fehlerfrei durch den Vortrag gekommen, weil Gott geholfen hatte oder weil ich viel geübt hatte? Oder wenn es bei anderer Gelegenheit schlecht gelaufen war: hatte Gott nicht geholfen oder hatte ich einfach zu wenig geübt? Und falls ich den Verdacht hatte, Gott habe nicht geholfen: hatte er schlichtweg keine Zeit für mich gehabt oder hatte er entschieden, mir nicht zu helfen, weil ich undankbar gewesen war? Denn: zuweilen hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich vor allem dann an ihn dachte, wenn ich etwas von ihm wollte. So entschuldigte ich mich immer wieder bei Gott, gab ihm aber auch zu bedenken, dass er ja eigentlich froh sein könne, dass ich ihn so selten behellige, denn dann bliebe ihm mehr Zeit für andere, die seine Hilfe bräuchten.
Und ich nahm an, dass er mir meine Undankbarkeit nicht allzu krumm nehmen würde, denn wir hatten gelernt im Religionsunterricht, und auch s’Mutti sagte das: Gott ist sehr grosszügig und verzeiht Fehler. Und auch ich wollte grosszügig mit ihm sein und sah es ihm nach, wenn er keine Zeit gehabt hatte, mir zu helfen, weil irgendwo auf der Welt seine Hilfe nötiger war als bei mir. Denn selbst wenn Gott allmächtig war: da er weltweit gleichzeitig Milliarden Menschen zu beaufsichtigen hatte, konnte ich mir gut vorstellen, dass er nicht immer Zeit hatte, mich zu beschützen.
Und schliesslich hatte er ja nicht einmal seinen eigenen Sohn geschützt damals! Wieso hatte Gott das zugelassen? Den eigenen Sohn auf so eine Mission zu schicken und ihn dann auf derart grausige Art und Weise sterben zu lassen, ans Kreuz genagelt! Vielleicht war Gott doch nicht so allmächtig wie man ihm nachsagte?
Es war und blieb mir während meiner ganzen Kindheit ein Rätsel, ob und inwiefern Gott in mein Leben einwirkte oder eben nicht. Und so ist das bis heute. Ich werde meine Skepsis nicht los, ob und inwiefern er auf mein Leben einwirkt. Und im Unterschied zum Glauben meiner Kindheit bin ich nicht einmal sicher, ob es ihn überhaupt gibt. Aber ich würde gerne rückfällig in Sachen Glauben.