«Alt werden ist nichts für Weicheier» wie s’Mutti zu sagen pflegte. Dieses Bild entstand 352 Tage vor ihrem Tod.

-> Hat sie ihr Ziel erreicht?

Muttis Lieblingswitz ging so: Ein Enkel montiert seiner betagten Grossmutter ein GPS an den Rollator, damit sie nie verloren gehe. Als die Grossmutter dann mit ihrem Rollator beim Spazieren am Friedhof vorbeikommt, verkündet das Navi: «Sie haben Ihr Ziel erreicht.»

Wir – ihre zahlreichen Nachkommen – kennen alle diesen Witz. Meine Grossmutter, «s’Mutti», die sich dem Rollator zuerst verweigert, irgendwann aber nicht mehr ohne ihn gekonnt hatte, hat diesen Witz immer wieder mal erzählt, und jedes Mal über ihren eigenen Witz gelacht. Und wir mit ihr.

Als wir nach ihrer Beerdigung auf dem Friedhof standen, kam einer meiner Cousins auf mich zu. Wir umarmten uns und redeten über unsere Mutti-Erinnerungen, und bald kam uns ihr Lieblingswitz in den Sinn und wir sagten zeitgleich zueinander: «Sie hat ihr Ziel erreicht!» und konnten herzlich lachen. Und s’Mutti hat von oben zugesehen und mitgelacht. Das weiss ich ganz genau, denn das hat sie uns seinerzeit versprochen, dass sie dann von oben zuschauen wird.

Und so sitzt sie seither im Himmel, neben Babi, schaut hinunter und stupst ihn ab und zu  an: «Lueg emal Babi!» Denn der Babi ist sicherlich auch im Himmel immer beschäftigt.

Als er damals angekommen ist, hat er festgestellt, dass mit dem aktuellen Einlass-System bei der Himmelspforte lange Warteschlangen entstehen und dass die Himmelstüre quietscht, leicht klemmt und anstrengend zu öffnen ist. Also hat er sich gleich ungefragt daran gemacht, die Himmelstür zu reparieren und tüftelt seither an einem optimierten Himmelspforten-Einlass-System.

Und als sie – zwei Jahre nach ihm – an die Himmelspforte kommt, ist er derart vertieft in seine Arbeit, dass er zunächst nicht einmal mitbekommt, dass sie nun endlich da ist. Und s’Mutti sagt lachend: «Ou Babi, tuesch em Petrus driifunke» und zu Petrus sagt sie: «weisch, wänn de Babi en Idee hät, muesch ihn eifach mache loh.» Und dann begrüssen sich s’Mutti und Petrus wie alte Bekannte, denn das sind sie auch. Und Petrus erzählt ihr gleich einen Witz, den sie noch nicht kennt.

Bereits zu Lebzeiten hat s’Mutti eine liebevoll-neckische Beziehung mit Petrus gepflegt, der auch für das Wetter zuständig ist, und sich bei ihm bedankt für gutes Wetter, oder über ihn gewettert wegen schlechtem Wetter.

Und nachdem sie im Himmel angekommen ist und Babi in die Arme geschlossen hat, fordert sie Petrus zu einem Jass heraus. Differenzler – darin ist sie Profi. Schliesslich hat sie treffsicher 95 agseit, 95 gmacht, Differenz Null. Und seither jassen sie regelmässig,der Petrus und s’Mutti, und sie schenken sich nichts beim Jassen. Und in der Jasspause tischt s’Mutti etwas Feines auf für alle, die gerade in der Nähe sind, so wie sie das immer getan hat, wenn man bei ihr zu Besuch war.

Als Kind fand ich die Vorstellung, dass Petrus an der Himmelspforte steht, einigermassen beruhigend. Denn ich wusste, dass Petrus selber zu Lebzeiten nicht fehlerfrei gewesen war und als Hitzkopf beschrieben wurde, der zwischenzeitlich sogar Gott verleugnet hatte und oft über das Ziel hinausgeschossen war. (Heute bekäme er eine ADHS-Diagnose.) Und ich erhoffte mir von Petrus, der ein Mensch mit Ecken und Kanten gewesen war, dass er nicht kleinlich wäre, sondern grosszügig beim Einlass in den Himmel. 

 

Ich stellte mir Petrus vor als einen grossen, kräftigen Mann mit roten Haaren und rotem Bart, lauter Stimme und tiefem, kehligem Lachen, der im Himmel mitlachte, wenn s’Mutti einen Witz über ihn erzählte.

Beispielsweise diesen: Vor dem Himmelstor stehen 100 Männer. Petrus ruft: „Die Männer, die immer machen was ihre Frauen ihnen sagen, stehen links in die Reihe. Die echten Männer stehen rechts in die Reihe.“ Kurz darauf stellt Petrus verblüfft fest: 99 Männer stehen links und nur ein Einziger rechts. Er geht zu diesem hin und sagt: «Du bist der einzig wahre Mann hier oben. Nun sag den andern, warum du hier stehst.» Dieser entgegnet: «Keine Ahnung! Meine Frau hat gesagt, ich soll hier hinstehen.»

Oder dieser: Ein Mann gerät beim Spazieren in ein Schlammloch und versinkt im Morast. Als er bereits hüfttief im Schlamm steckt, kommt die Feuerwehr, um den Versinkenden zu retten. Der Mann winkt ab: „Ich glaube an Gott. Er wird mich retten!“ Als der Mann bereits bis zum Hals im Schlamm versunken ist, kommt die Feuerwehr erneut und will ihn bergen. Der Versinkende meint auch diesmal: „Ich glaube an Gott. Er wird mich retten!“ Als die Feuerwehr ein drittes Mal anrückt, ist der Mann bereits vollends im Schlamm versunken. Als der Mann im Himmel ankommt, brüllt er Petrus wütend an, er wolle sofort Gott persönlich sprechen. Und zu diesem meint er dann:  „Ich habe immer an dich geglaubt, warum hast du mich nicht gerettet?“ Gott spricht: «Du dummä Cheib! Ich habe dir dreimal die Feuerwehr geschickt.»

Ich kann mich noch lebhaft erinnern, wie sie diesen Witz jeweils erzählte, ihre Stimme, ihr Ausdruck, die Tonalität beim Erzählen – insbesondere wie sie sich auf «du dumme Cheib…» und die Pointe freute und herzhaft mitlachte.

Den allerschlechtesten Gotteswitz, den ich je gehört habe, erzählte seinerzeit, als ich an der Kantonsschule war, ein arg dem Feminismus verpflichteter Laientheologe: «Als Gott den Mann schuf, übte sie.» Als ich Mutti diesen «Witz» erzählte, runzelte sie nur kurz die Stirn und hob ratlos die Schultern.

Die obig beschriebene Himmelsvorstellung ist natürlich Quatsch! Selbstverständlich gibt es keinen Petrus, der an der Himmelspforte steht. Denn heutzutage ist das Himmels-Aufnahmeprozedere garantiert längst digitalisiert. Self-Checkin auch im Himmel. Und statt Petrus steht ein Automat an der Pforte. Und wenn du dann den falschen Button drückst und fälschlicherweise in der Hölle landest – selber schuld! Da kannst du dann nicht einmal Petrus, Gott oder dem Teufel die Schuld in die Schuhe schieben.