Im Klosterdorf Einsiedeln der 80er-90er-Jahre gehörte das Gläubigsein ganz selbstverständlich zum Alltag. In meiner Kindheit kannte ich niemanden, der Atheist war. Diese Kategorie existierte in meiner damaligen Welt nicht. In meiner kindlichen Welt hatten alle irgend einen Gott. Unsere Reformierte in der Klasse hatte den gleichen Gott, aber einen verheirateten Pfarrer (der befreundet war mit einem unserer Patres, und gemeinsam bildeten sie das «Duo Geistlich» und spielten Trompete und Büchel). Und auch unser Türke in der Klasse hatte einen Gott, aber dieser hiess anders.
Einzig die armen Heidenkinder, von denen uns die Patres erzählten, die hatten keinen Gott. Heidenkinder wurden beschrieben als wirklich bemitleidenswürdige Geschöpfe, die nicht getauft wären und keinen Gott hätten und daher auch nicht in den Himmel kämen.
Und wenn spätere Generationen Panini-Bilder sammeln würden. Wir damals sammelten «Chile-Bildli». Ich hatte in meinem Kirchengesangbuch eine stolze Sammlung solcher Bildli.
Und eines dieser Bilder zeigte einen weissbärtigen Gott in wallendem Gewand mit ausgebreiteten Armen. Um ihn herum kleine Kinder, wohlfrisiert und wohlgenährt, in sauberen weissen nachthemd-ähnlichen Kleidchen und lächelnd. Untertitel: «Lasst die armen Heidenkinder zu mir kommen».
Ich kannte kein Heidenkind persönlich und ich konnte mir nicht vorstellen, wie schlimm es wäre, ohne Gott aufzuwachsen, aber diese Heidenkinder auf dem Bild machten keinen besorgniserregenden Eindruck auf mich. Und vor allem war es mir ein Rätsel, woher denn diese Kinder kommen sollten, wo ihre Eltern waren. Es waren ja nicht Waisenkinder, sondern Heidenkinder.
Eine mir rätselhafte Kategorie Mensch, die ich nicht einzuordnen wusste, denen ich aber gerne in meinem Kirchengesangbuch einen schönen Platz zwischen den vielen Seiten einräumte. Und für die ich ab und zu auch betete, dass sie trotzdem in den Himmel kommen würden. Denn: da zählte ich voll und ganz auf Petrus’ Grosszügigkeit.