-> Jesus im Früchtekorb

Wenn ich jeweils nach dem Beichten die mir aufgetragenen und für die Absolution nötigen Gebete sprach, tat ich das automatisiert. Längst konnte ich die beiden wichtigsten und gebräuchlichsten Gebete – das Vaterunser und das Gegrüsstseistdumaria – auswendig und in beliebigem Tempo herunterrattern.

Das Gegrüsstseistdumaria war mir lieber als das Vaterunser, weil: es war kürzer. Für ein schnelles Vaterunser brauchte ich etwa 20 Sekunden (damals waren diese sportlichen Digitaluhren mit Stoppuhr-Funktion der letzte Schrei). Ein zügiges Gegrüsstseistdumaria dauerte etwa 13 Sekunden, ich schaffte es häufig aber auch unter 10 Sekunden.

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.
Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.

Beim Gegrüsstseistdumaria wusste ich zwar, dass es «voll der Gnade» hiess. Von der ganzen Gemeinde gesprochen tönte es trotzdem wie «voll der Knabe» oder «Folterknabe».

Und dann gab es ein Wort, auf das ich mich jedesmal freute, es auszusprechen, weil ich die Melodie und den Rhythmus des Wortes sehr angenehm fand, von dem ich aber keinerlei Ahnung hatte, was es bedeutete: gebenedeit.

Beim Gegrüsstseistdumaria kommt es zweimal kurz nacheinander:

… du bist GEBENEDEIT unter den Frauen, und GEBENEDEIT ist die Frucht deines Leibes, Jesus.

Wieviele hundert Male habe ich dieses Wort ausgesprochen, ohne zu wissen was es bedeutet und mir auch nie überlegt, was es bedeuten könnte?

Gebenedeit, gebenedeit, gebenedeit. Das Wort Gebenedeit war für mich stets ein Fantasiewort. So ähnlich wie ich mir bei «Ronja Räubertochter» ein Bild machte von den Fantasiewesen Rumpelwichten und Graugnomen, gab es beim Beten Ausdrücke, bei denen sich innere Bilder entfalteten.

Beim «gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus» überkam mich jeweils unweigerlich das Bild eines Früchtekorbs. Diese damals in Tombolas als Hauptpreise fungierenden Lebensmittelkörbe, die mit Konserven, Wurstwaren und Früchten bepackt waren. Wenn also von der Frucht des Leibes Jesus die Rede war, sah ich Baby-Jesus, der in einem grossen Früchtekorb sitzt, hinter einer Ananas und zwischen Büchsenravioli, Salami und Orangen.