-> Maria im Gfängnis

Maria – die Mutter Jesu, die heilige Mutter Gottes, die schwarze Madonna spielt im Wallfahrtsort Einsiedeln seit jeher eine zentrale Rolle. In meinem Leben spielte sie nie eine zentrale Rolle, in Muttis Leben sehr wohl. S’Mutti war eine grosse Marienverehrerin.

Nachdem ich zunächst gemeint hatte, es heisse «Maria im Gfängnis» und mir schleierhaft war, weswegen Maria, die derart makellos beschrieben wurde, im Gefängnis gewesen sein sollte, war mir erklärt worden, es heisse «Maria Empfängnis».

Maria Empfängnis ist am 8. Dezember. Ich rechnete: Wenn Maria am 8. Dezember vom heiligen Geist das Kind empfangen hatte, also schwanger geworden war, wie konnte sie dann bereits am 24. Dezember Jesus auf die Welt bringen? Selbst wenn es sich um den 24. Dezember des darauffolgenden Jahres handeln sollte, ging die Rechnung nicht auf. Dann wäre Maria über 12 Monate schwanger gewesen. Mit diesen Zahlen konnte etwas nicht stimmen. Und als ich den Pfarrer fragte, erklärte er mir: nicht Maria hätte dann empfangen, sondern Maria sei von ihrer Mutter Anna empfangen worden, und zwar ohne Erbschuld.

Eine Erklärung, die ich etwas gar verkomplizierend und verwirrend fand. Ebenso wie die Geschichte um die Befruchtung durch den heiligen Geist und die Jungfräulichkeit Marias. Wenn Jesus Gottes Sohn war, wieso fand dann die Befruchtung durch den heiligen Geist statt? Wenn Gott allmächtig war, warum hatte er nicht einfach Jesus in den Bauch von Maria gepflanzt? Oder direkt als fertiger Jesus auf die Erde geschickt?

Und überhaupt: das Konzept der Dreifaltigkeit von Gott, Sohn und heiligem Geist war mir ein Rätsel. Zwar leuchtete mir ein, dass Gott seinen Sohn auf die Erde geschickt hatte als seinen Vertreter, weil er selber  im Himmel jede Menge zu tun und daher nicht die Zeit hatte, selber auf Erden zu kommen. Aber die Aufgabe des heiligen Geistes – abgesehen vom Schwängern der Maria – blieb mir schleierhaft.

Der heilige Geist sei in die Jünger gefahren damals an Pfingsten, wurde uns im Religionsunterricht beigebracht, und an unserer Firmung würden wir – wie die Jünger damals – den heiligen Geist empfangen. Und so wurden wir monatelang auf diesen Moment vorbereitet. In der Klosterkirche würden wir gefirmt werden, nicht vom Abt, sondern vom Bischof persönlich. Eine besondere Ehre, denn der Bischof kam nur alle 4 Jahre zur Firmung nach Einsiedeln.

Ich stand also am Firmtag, begleitet vom Mutti, die meine Firmgotte war, vor dem Bischof himself. Er machte mit fettiger Salbe ein Kreuz auf meine Stirn und sprach ein Gebet. Ich wartete auf ein Zeichen, ein Kribbeln, einen Blitz, ein Licht oder irgend etwas Ähnliches. Aber ich spürte nichts. Und das fand ich enttäuschend und ernüchternd. Auch in den kommenden Tagen und Wochen spürte ich keine Veränderung, keine Erleuchtung.

Und womöglich war gerade die Erfahrung der Nicht-Erleuchtung ein weiterer Schritt weg vom kindlichen Gottesglauben hin zu einem reiferen Gottesbild. Eine Entwicklung, die bereits früher begonnen hatte, vielleicht mit der Entzauberung des Christkindes.