-> Meinrad der Märtyrer

Von der römisch-katholischen Kirche wurde Meinrad offiziell heiliggesprochen als «Märtyrer der Gastfreundschaft».

Wie soll ich mir das vorstellen? Hatte er eine Schiefertafel vor seiner Hütte, mit dem Tagesmenü: «Mittelalterliches Murmeltier-Château-Briand an Bärlauch-Jus, begleitet von Finsterwald-Wedges und zum Nachtisch ein Waldbeeren-Confit. Oder das Biber-Carpaccio mit Heidelbeer-Mousse auf einem Alpenkräuterbett.»

Meinrad soll ein Mensch gewesen sein, der sehr karg lebte und viel gefastet hat. Daher ist es schwer vorstellbar, dass bei ihm mit gastronomischen Höhenflügen zu rechnen war. Und ein Besuch bei Meinrad war wahrscheinlich vielmehr mit der Erwartung auf geistige Benefits verbunden.

Mit welchen Fragen kamen die Ratsuchenden zu ihm?

Es mussten wichtige Fragen sein, denn wozu sollte ein Mensch aus Zürich diesen anstrengenden Weg auf sich nehmen und zu Fuss – in damaliger Ermangelung der Südostbahn – zu Meinrad pilgern? Was suchten und fanden die Ratsuchenden bei ihm?

Meinrad wirkte keine Wunder. Und es wurden ihm auch nachträglich keine Wunder nachgesagt.

Ich stelle mir Meinrad vor als einer, der durch seine innere Ruhe und Empathiefähigkeit seinem Gast und Ratsuchenden eine vertrauensvolle Atmosphäre, Zeit und Raum bietet, und seinem Gegenüber seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit schenkt, währenddessen der Ratsuchende sich und sein eigenes Denken entfalten kann, und auf diese Weise die Problemlösung selbständig suchen und finden. Quasi Coaching at its best. Und so gesehen wäre Meinrad passender heiliggesprochen worden als «Heiliger der Coaches».