Damals – als Kind – fand ich es befremdlich, als mir erklärt worden war, dass die Toten im Himmel seien und von oben zuschauen und alles sehen könnten.
Der Grossonkel Sepp war gestorben, ich hatte ihn – inmitten meiner riesigen Verwandtschaft – so gut wie nicht gekannt. Meine Eltern nahmen mich mit an seine Beerdigung. Es war meine erste Beerdigung, der ich beiwohnte.
In der Friedhofkappelle hinter dem Kloster Einsiedeln war er aufgebahrt worden. Der Sarg war zu, mit einem Guckloch versehen. Die Trauergäste gingen nacheinander am Sarg vorbei, schauten ins Guckloch, nahmen Abschied von ihm. Auch ich wollte durch das Guckloch schauen, musste dafür hochgehoben werden. Und dann sah ich ihn, den Grossonkel Sepp. Irgendwie seltsam sah er aus, zwar irgendwie ähnlich wie zu Lebzeiten, aber auch ziemlich anders, unwirklich, wie eine Wachspuppe, die angemalt worden war. Und der würde mir jetzt von oben zuschauen und mich immer und überall sehen?! Auch wenn ich auf der Toilette wäre, würde Grossonkel Sepp zuschauen?
In den Wochen nach dem Begräbnis kam mir in allen möglichen und unmöglichen Momenten in den Sinn, dass Grossonkel Sepp nun zuschauen würde. Und ich zog mein T-Shirt bis über die Knie, wenn ich auf der Toilette war, denn ich fand, dass mein Intimbereich den Grossonkel Sepp nichts angehe. Und wenn ich heimlich Süssigkeiten aus dem Küchenschrank nahm, dann fühlte ich mich ertappt vom Grossonkel Sepp.
Und es fing mich zusehends an zu ärgern, dass der Grossonkel Sepp mich immer und überall sehen konnte. Denn zu seinen Lebzeiten hatte ich ihn nur wenige Male gesehen. Es gab also keinen Grund, weshalb er mich nun, nach seinem Tod, immer und überall sollte sehen können.
Auch überlegte ich mir: wenn Grossonkel Sepp vom Himmel aus alles beobachten kann, dann wird er wohl nicht immer nur mich beobachten, weil er ja noch ganz viel anderes zu beobachten hat. Schon alleine all meine zahlreichen Verwandten zu beobachten wäre eine zeitintensive Sache, geschweige denn die ganze Welt zu beobachten. Denn dies wäre auch vom Himmel aus eine riesige Aufgabe, die gar nicht zu schaffen wäre. Also würde er doch entscheiden müssen, wen er beobachten wollte. Und dann würde er doch nicht eine Grossnichte wie mich beobachten, die er kaum gekannt hatte, sondern primär diejenigen, mit denen er zu Lebzeiten zu tun gehabt hatte, also beispielsweise meine Grosstante Lina, «s’Lini». Und dem Lini würde es sicher auch nichts ausmachen, wenn er ihr zuschaut, wenn sie auf der Toilette ist.
Und überhaupt, wenn ich Grossonkel Sepp wäre und die Möglichkeit hätte, alles zu sehen, dann würde ich nicht die kleine Grossnichte beobachten, sondern jemanden Berühmteren: Also beispielsweise dem Abt des Klosters oder gar dem Papst zuschauen beim Geschäft verrichten.
Die Idee, dass Grossonkel Sepp mich nicht permanent beobachten würde, beruhigte mich vorerst. Bis ich mir Folgendes überlegte: Es gibt ja nicht nur den Grossonkel Sepp! Der Himmel muss voll sein mit Toten, die vom Himmel aus zuschauen. Gemäss meiner Berechnungen hatte es in der bisherigen Menschheitsgeschichte inzwischen mehr Gestorbene im Himmel als aktuell Lebende auf Erden. Somit war die Wahrscheinlichkeit riesig, dass immer irgend ein Toter Zeit haben würde, mir zuzuschauen. Dieser Gedanke war mir unerträglich.
«Ich finde es imfall recht unanständig von euch Toten, mir auf der Toilette zuzusehen.» rief ich ihnen zu. Oder: «Dann schaut halt zu, ihr Toten! Wenn ihr es nötig habt, einem kleinen Mädchen auf der Toilette zuzuschauen. Mir doch egal!» Und wenn ich heimlich etwas aus dem Süssigkeitenschrank nahm, dann streckte ich den potenziell zuschauenden Toten die Zunge raus.
Aber es war mir nicht egal. Ich fand es unangenehm, permanent beobachtet zu werden. Und darum erdachte ich mir einen anderen Umgang mit dem Thema: fortan glaubte ich daran, dass Tote mich nur sehen könnten, wenn ich an sie dachte und mit ihnen redete. Das war eine grosse Erleichterung für mich, denn somit waren alle mir unbekannten Toten als Beobachter ausgeschlossen. Und auch den Grossonkel Sepp konnte ich auf diese Weise aus meinem Leben verabschieden: «Lieber Grossonkel Sepp, ich werde künftig nicht mehr an dich denken. Ich verabschiede mich von dir und wünsche dir alles Gute für die Ewigkeit.»