Wir lernten damals im Religionsunterricht das Konzept von Himmel, Fegefeuer und Hölle. Man musste zu Lebzeiten das Böse möglichst meiden, um dann später in den Himmel zu kommen. Und der Himmel als Zieldefinition war zwar allgegenwärtig, aber was dieser Himmel konkret bedeuten würde, das blieb einigermassen vage und inhaltsleer oder unlogisch. Wie beispielsweise das Bild von auf-einer-Wolke-sitzen-und-Harfe-spielen. Diese Idee fand ich äusserst seltsam.
In Einsiedeln spielte man in den verschiedenen Musikvereinen Trompete, Klarinette, Posaune oder Querflöte, aber niemand spielte Harfe. Wieso sollte man dann nach dem Tod nicht das Instrument spielen, das man zu Lebzeiten gelernt hatte? Und warum sollten im Himmel alle dasselbe Instrument spielen? Und vor allem: warum um Himmels Willen Harfe? Dieses riesige Instrument. Nur Kontrabass oder Sousaphon wären noch unpraktischer zu handhaben. Warum nicht jedem Himmels-Ankömmling eine Blöckflöte in die Hand drücken? Die wäre auch für Unmusikalische einfacher zu erlernen als Harfe. Oder wären im Himmel alle musikalisch? Das müsste so sein, denn ansonsten wäre die Vorstellung von einem Blockflöten-Ewigkeiten-Orchester voller Misstöne eher eine Fegefeuer-Vorstellung.
Ich jedenfalls fand es keine erstrebenswerte Vorstellung, Harfe zu spielen und auf einer Wolke zu sitzen bis in alle Ewigkeit. Mir kamen ja bereits die Messen, die jeweils etwa eine Dreiviertelstunde dauerten, ewig vor.
Aber die Hölle war auch keine wünschenswerte Option. Die Hölle als der Ort, wo der Teufel herkommt, wo es zu heiss ist und man nicht hin möchte. Wo man aber hinkommt, wenn man kein guter Mensch ist. Ich stellte mir die Hölle vor wie den Maschinenraum einer Dampflokomotive: ein dunkler und sehr heisser Ort, in dem man pausenlos Kohle ins Höllenfeuer schaufeln muss.
Ich hatte nie Angst vor der Hölle. Hat man uns keine Angst gemacht davor? Oder war ich nicht empfänglich für diese Angst?
Die Hölle stellte ich mir vor als ein Ort für die wirklich Bösen. Und mich selber erachtete ich nicht als wirklich böse. Ich ging aber davon aus, dass ich allenfalls temporär im Fegefeuer landen könnte. Dem Ort, wo man hinkommt, wenn man zu viele Sünden gemacht hat, um direkt in den Himmel zu kommen. Je nach Sündensaldo müsste man kürzer oder länger im Fegefeuer verweilen. Welches Sündensaldo einen Zwischenhalt im Fegefeuer bedeuten würde, war mir nicht klar, und auf diese Frage konnte mir auch niemand eine Antwort geben. Beziehungsweise hatte ich den Eindruck, dass niemand – nicht einmal die Patres – dies genau wüssten. Niemand wollte sich diesbezüglich festlegen.
Ebenfalls unklar war mir, was man dort im Fegefeuer tun würde während des Wartens, bevor man in den Himmel käme. Vielleicht so eine Art Warteraum wie die Umkleidekabine eines Hallenbades, wo es müffelt, feucht und etwas zu warm ist, wenn man angezogen dort sitzt? Oder eher ein schmutziger Raum, den man pausenlos fegen muss, bis das Sündensaldo auf Null ist? Und ich konnte mich nicht entscheiden, welche der beiden Vorstellungen ich unangenehmer fände: langweiliges Warten und Nichtstun oder anstrengendes und pausenloses Fegen. Jedenfalls fand ich es empfehlenswert, mein Leben und Sündensaldo so zu gestalten, dass ich dereinst nicht allzu lange im Fegefeuer verweilen müsste.
In meiner Umgebung kannte ich niemanden, der so böse war, dass ich mir vorstellen konnte, dass er in die Hölle kommen würde. Die einzig sehr böse Person, die mir in den Sinn kam, war Hitler. Und ich fragte mich, ob es für Hitler in der Hölle einen speziellen Ort gab – quasi eine Einzelhafthölle, weil er speziell böse war und es den normal Bösen selbst in der Hölle nicht zuzumuten wäre, mit Hitler zusammen in der Hölle zu schmoren.