«Alt werden ist nichts für Weicheier» wie s’Mutti zu sagen pflegte. Dieses Bild entstand 352 Tage vor ihrem Tod.

-> Wie mein Grossvater starb

Mein Grossvater, de Babi, ist an Heiligabend gestorben. S’Mutti erzählte mir seine Sterbegeschichte so: Am Abend des 24. Dezember lagen s’Mutti und de Babi in ihren Betten. Sie lebten zu dieser Zeit im Altersheim. De Babi nässte das Bett ein. Die Pflegenden kamen, halfen ihm ins Badezimmer, das Bett wurde frisch angezogen. Die Pflegenden sagten: «Das ist normal, das kann passieren.»  S’Mutti sagte: «Nein, de Babi hat sich noch nie eingenässt.» Und sie wusste in diesem Moment, dass sein Ende nun unmittelbar bevorstand.

Frisch umgezogen wurde ihm wieder ins Bett geholfen, die Pflegenden verliessen den Raum. Kurz darauf wandte sich de Babi em Mutti zu und sagte: «Tschau Muetter.» Und verstarb.

In seinen letzten Wochen war er mehrheitlich am Schlafen gewesen, seine Lunge, die sich mit Wasser gefüllt hatte, war bereits einmal ausgepumpt worden. Das 96jährige Herz hatte zusehends weniger Kraft zu funktionieren. S’Mutti war in diesen Wochen immer bei ihm, achtete auf seinen Atem. Sie wollte ihn nicht gehen lassen, sagte zu ihm: «Babi, du darfst noch nicht gehen.»

Dann ging er doch.

In einem frisch bezogenen Bett liegend sich von seiner lebenslangen Gefährtin verabschieden und einschlafen. Das ist ein schöner Tod, finde ich. Und ich wünsche mir, dereinst so ähnlich sterben zu können.

Und ich hoffe schwer für s’Mutti, dass er sich tatsächlich von ihr verabschiedet hat und nicht einfach eingeschlafen ist ohne Verabschiedung. Und s’Mutti sich diesen Moment später schöngeredet hat, weil es sie verletzt hat, dass er einfach wortlos ging. So abwegig ist der Gedanke nicht, wenn man den Babi gekannt hat. Er hatte viele Ideen und tat oft unvermittelt Dinge, von denen er seine Umgebung nicht in Kenntnis setzte bzw. sie vor vollendete Tatsachen stellte.

Bereits einige Jahre zuvor hatte es Momente gegeben, wo er fast gegangen wäre.  Wo er gemäss eigener Aussage auch gern gegangen wäre. Aber medizinische Interventionen führten dazu, dass er weiterlebte. Er überlebte zwei Schlägli, von denen er sich erstaunlich gut erholte: bis zum Schluss konnte er sich selbständig fortbewegen, seine sprachlichen Fähigkeiten waren etwas beeinträchtigt. S’Mutti ergänzte jeweils, wenn er beim Reden nach einem Wort suchte. Und er ergänzte sie, indem er ihr bei Tätigkeiten half, mit denen sie körperlich Mühe hatte. Sie waren ein über Jahrzehnte zusammen gewachsenes Team, eine Symbiose.

So wie s’Mutti den Moment von Babis Sterben schilderte, lässt darauf deuten, dass er sich seines Sterbens bewusst war. Und ich frage mich: hat er diesen Tag, diesen Moment als seinen Sterbezeitpunkt ausgewählt? Den Heiligabend, der für ihn als gläubiger Katholik ein bedeutsamer Tag war. Der Tag von Jesu Geburt als sein Todestag? Ist es möglich, den eigenen Todeszeitpunkt zu wählen? S’Mutti, die eine Marienverehrerin war, starb am 8. Dezember, Maria Empfängnis. Hat sie ihren Todestag gewählt? Oder war das Zufall?

Zwei Monate zuvor hatte sie ein Schlägli gehabt und blieb einseitig gelähmt, was ihr den letzten Rest Autonomie, Bewegungsfreiheit und Selbständigkeit nahm. Und: sie haderte mit «dem do obä», verstand nicht, warum Gott ihr nun noch diese Aufgabe aufgebürdet hatte. Sie, die doch gottesfürchtig gelebt und so viel gearbeitet habe. Mir tat es leid für sie, dass sie – wegen ihres Glaubens – diesem Schlägli die Bedeutung einer Bestrafung beimass.

Ich hoffe für sie, dass sie sich diesen Tag auserwählt hat und es als besondere Gnade empfinden konnte, an Maria Empfängnis zu sterben. Und natürlich wünsche ich ihr, dass sie nun dort ist, wo sie glaubte hinzugehen.

Ich hoffe, s’Mutti hat ihr Ziel erreicht.